Der April 2009 im Lahntal rund um Gießen
Der April 2009 wurde nun noch wärmer als der Rekordmonat vor zwei Jahren.
Allerdings unterscheiden sich beide Monate im Detail erheblich. Vor allem die erste Monatshälfte war im aktuellen Fall in ihrem Verlauf beispiellos warm. In Bezug auf die erste Hälfte lagen die Temperaturabweichungen bei mehr als 7 K. Die zweite Aprilhälfte verlief hingegen nur noch rund 1 K zu warm. Somit errechnete sich eine Abweichung von 4,4 K.
Seit Mitte der 90er Jahre ist eine auffällige Häufung von Monaten mit positiven Temperaturanomalien von mehr als 4 K zu beobachten. Und man kann davon ausgehen, dass sich diese Fälle weiter häufen werden.
Ungewöhnlich im April 2009 war auch die Anzahl von 5 Sommertagen während der ersten Hälfte, auch wenn monatsbezogen längst keine Rekorde erreicht wurden. 2007 stellten sich 10 sogenannter „Sommertage“ ein.
Doch noch etwas war außergewöhnlich:
Es gab keine Frosttage in diesem April. Das ist geradezu sensationell. Ein April ganz ohne Luftfrost ist mit Sicherheit ein mehr als 200-jähriges Ereignis. Somit konnte auch mit einem mittleren Minimum von 6,4 Grad C ein besonders hoher Wert ermittelt werden. Im April 2007 errechnete sich das mittlere Minimum aufgrund einiger relativ kalter Nächte ( vier Frosttage ) auf 4,8 Grad C, was ebenfalls schon markant war.
Zum Vergleich: Der sehr kalte April 1984 brachte ein mittleres Minimum von Minus 0,5 Grad! Es gab 21 Frosttage. Ein derart kalter April ist gegenwärtig kaum denkbar. Vor einem Jahr schaffte es der April ebenfalls beinahe frostfrei zu sein. Lediglich am 6. gab es gerade so geringen Luftfrost von minus 0,1 Grad C.
Das absolute Monatsmaximum erreichte 2007 am 14. April 28,6 Grad, was ebenfalls ein denkwürdiges Ereignis war. So früh im Jahr eine solch hohe Temperatur hat es selbst in der weiter zurückliegenden Vergangenheit nicht gegeben. Man muss bis zum Jahr 1968 zurückgehen um ähnliche Maxima Mitte April vorzufinden.
Vor 41 Jahren stellte sich Mitte des Monats eine ungewöhnliche Hitzewelle mit Maxima von bis zu 33 Grad ein. Der Höhepunkt war der 23. April. Doch nur zwei Wochen vorher gab es verbreitet mäßige, vereinzelt sogar starke Nachtfröste.
Im Mittel zählt der April 1968 ohnehin nicht zu den wärmsten. Selbst der warme April 1993, dessen hochsommerliche letzte Dekade damals für Aufruhr unter den Hobbymeteorologen sorgte, nimmt sich seit den Jahren 2007 und 2009 nun in der Tat sehr bescheiden aus. Wir leben gegenwärtig ganz ohne Zweifel in einer ganz anderen Klimaphase, als es noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Selbst die 90er Jahre sind nun kaum noch ein Vergleich zu dessen, was das Klima seit dem Jahr 2000 zu bieten hat. Immer wieder und immer häufiger eskaliert die Natur zu neuen Wärmerekorden. Dabei sind es weniger die absoluten Spitzenwerte, sondern die Häufigkeit und vor allem Dauerhaftigkeit der Wärme. Eine lange Folge sommerlicher Aprilmonate gab es übrigens in der Zeit von 1942 bis 1955. Besonders der April 1952 zeichnete sich durch Trockenheit und beständige, aber keinesfalls extreme Wärme aus.
In einem weiteren Punkt unterscheidet sich jedoch der April 2009 von seinem extremen Vorgänger 2007 noch:
Der Niederschlag.
Während vor zwei Jahren verbreitet kein messbarer Regen festgestellt wurde, betrifft dies im aktuellen Fall nur noch Regionen östlich der Elbe. In der Südwesthälfte haben nun ergiebige Regenfälle vereinzelt sogar zu nicht unerheblichen Überschüssen geführt, die aber angesichts der hohen Temperaturen und den damit verbundenen extremen Verdunstungsraten gerade in der Landwirtschaft eher willkommen waren.
Im Lahntal rund ums Gießener Becken verlief die erste Monatshälfte weitgehend ohne messbaren Niederschlag.
An der neuen, inzwischen vollautomatisierten, Gießener Wetterwarte registrierten die Messfühler am 8. April 0,4 mm. Markant war das Regengebiet vom 17. als verbreitet mehr als 20 mm gefallen waren. Daher wurde die Trockenheit im Lahntal vollständig und nachhaltig beendet – ganz im krassen Gegensatz zu 2007 also.
Die insgesamt 42,3 mm verteilten sich auf lediglich 6 Niederschlagstage. Auch dies ist eher ungewöhnlich für einen April. Im April sind häufige Niederschlagstage typisch, die aber meist nur geringe Regenmengen liefern; daher zählt der April – ganz im Gegensatz zur Einstellung der Öffentlichkeit – neben dem Monat Februar zu den trockensten Monaten des Jahres. So hat es in der seit 1976 bestehenden Heuchelheimer Messreihe noch keinen April gegeben, der 100 mm erreichte. Lediglich im Jahr 1989 sind wir hier im Lahntal mit 99,5 mm ganz nahe herangekommen.
Auch die Sonnenscheindauer dürfte 2009 nicht ganz das Maß von 2007 erreicht haben ( ausgenommen wohl der Nordosten ), da vor allem in der letzten Dekade häufig trübe Tage registriert wurden, also in der Zeit wo die Sonne am längsten scheinen kann.
Folgende weitere Klimaänderung gerade im April ist schon seit Jahren auffällig:
In früheren Jahrzehnten stellte sich im April nach extremer Wärme bald schon eine markante Nordlage ein, die fast immer in eine sogenannte VB-Lage überging. Die Folge war ein markanter Temperatursturz und erhebliche Niederschläge. Oft versanken die Alpenländer in ungeheueren Schneemassen. Manchmal sogar die Niederungen im warmen Südwesten Deutschlands, Beispieljahre 1980, 1981 und auch 1991. Das dies in unserer Gegenwart nicht mehr vorkommt, ist leicht und plausibel zu erklären. Die gesamte Nordhemisphäre, insbesondere die Arktischen Meere sind bei weitem nicht mehr so kalt wie es noch während der 80er und Anfang der 90er Jahre gewesen ist. Somit wurden die Temperaturkontraste zwischen der Arktis und den mittleren Breiten immer geringer. Dass sich diese Tatsache auf die Frühjahrserwärmung auswirken muss, versteht sich eigentlich von selbst. Somit besteht im April bei großer Wärme über dem Europäischen Kontinent kein besonderer Temperaturkontrast mehr zu den polaren Breiten. Infolge dessen fehlt der Impuls dazu, den überwärmten Kontinent durch zyklonale Nordwetterlagen abzukühlen. Schon seit vielen Jahren ist dieser fehlende Effekt zu beobachten. So bringen gegenwärtig selbst zyklonale Nordwestlagen während des Sommerhalbjahres kaum noch Temperaturen unter dem Durchschnitt. Früher wurde in den Wetterberichten, als diese noch seriös waren, immer der Zusatz „Weiterhin für die Jahreszeit zu kühl“ genannt. Das ist längst Vergangenheit. Zu niedrige Temperaturen kommen im Sommerhalbjahr fast nur noch bei ganztags bedecktem Himmel und Dauerregen vor.
Es kann daher als realistisch eingeschätzt werden, dass sich sogenannte Aprilsommer den gesamten Kalendermonat halten. Positive Temperaturabweichungen von bis zu 8 K sind in naher Zukunft im Monat April als wahrscheinlich anzusehen.
Einen Ausbleiberrekord hat es bei der Gewittertätigkeit gegeben. Am Donnerstag dem 30. April entlud sich das erste Gewitter seit dem 10. August 2008. Somit wurde der ehemalige Ausbleiberrekord vor 30 Jahren nun übertroffen. 1978 gab es am 26. Juli letztmals Gewitter. Das erste der neuen Saison entlud sich dann am 25. März 1979.
Heuchelheim im Mai 2009 F.Steinmüller