VdA - Der Hobbymeteorologenverband

Der Tornado am 12.8.2008 im Lahntal zwischen Gießen und Wetzlar

von Friedel Steinmüller, Heuchelheim bei Gießen

 
 
Die Wetterlage am 12. August 2008
Abb. 1 (aus BWK, 12.August 2008, 14.00 MESZ, der Pfeil gibt die Lage von Gießen an):

Am frühen Dienstagabend des 12. August 2008 wurde die mittelhessische Stadt Gießen von einem Tornado überquert. Er führte zu Schäden in Millionenhöhe. Viele Straßen und Gehwege glichen einem Dschungel aus umgestürzten Bäumen, abgedrehten Baumkronen und abgebrochenen Zweigen, zahlreiche Autos hatten Totalschaden, Trümmer ganzer Dächer lagen weithin verstreut. Die Spur der Zerstörung erreichte im Innenstadtbereich streckenweise eine Breite bis zu 200 Meter.

Wetterbestimmend war an diesem Tag ein Trog über Westeuropa. Das Frontensystem eines umfangreichen Tiefs über den Britischen Inseln und der Nordsee überquerte Deutschland in der Nacht und am Vormittag mit einem umfangreichen Regengebiet. Während der frühen Nachmittagsstunden lockerte die Bewölkung im Westen Deutschlands von Südwesten her leicht auf. Bei lebhaftem Süd- bis Südwestwind stieg die Temperatur im Lahntal kaum über 22°C. Die Taupunktwerte lagen bei 15 bis 18°C, so dass die Luft als schwül empfunden wurde. Die Luftmassen waren ausgeprägt labil geschichtet, so dass tornadoartige Vorgänge erwartet werden konnten.

Für kurze Zeit ist Südwestdeutschland in den Bereich warmer subtropischer Luft geraten. Die Kaltfront, an der die Gewitter und auch Tornados entstanden, liegt noch über Ostfrankreich – Luxemburg.

Der Weg des Tornados

Im Nachmittagsverlauf entwickelten sich im Westen Deutschlands in einem breiten Streifen von Rheinland-Pfalz und dem Saarland bis nach Nordrheinwestfalen zahlreiche Schauerzellen. Eine 1 besonders intensive Zelle steuerte gegen 16.00 MESZ direkt vom Taunus kommend auf das Lahntal zwischen Wetzlar und Gießen zu. Bei Weilmünster, westlich von Wetzlar, beobachteten Einwohner verdächtige Wolkenstrudel, die eine Tornadobildung erahnen ließen. In Münchholzhausen, 2 km südöstlich der Stadt Wetzlar, hatte sich schließlich ein Tornado voll entwickelt und riss dort einige Bäume um. Ein Baucontainer wurde von der Trombe etliche Meter weit fort getragen und landete dann mit dem Dach auf dem Boden. Die Spur des Tornados ließ sich nun weiter bis zum östlichen Rand der Gemarkung Dutenhofen verfolgen. Dort wurden einige Obstbäume entwurzelt oder zersplittert. In der Nähe einer Mühle zerzauste der Wirbelsturm eine Pappelreihe.
Das Lahntal zwischen Gießen und Dutenhofen wird von zwei Hochspannungsleitungen gekreuzt, die der Tornado überquert haben muss. Da diese jedoch unbehelligt blieben, kann davon ausgegangen werden, dass die „Wirbelsäule“ über diesem Areal keinen direkten Bodenkontakt hatte. Nun näherte sich die Trombe unaufhaltsam Gießen. Dort teilte er die Stadt genau in zwei Hälften. Er zog parallel entlang der Frankfurter Straße und Liebigstraße und richtete vor allem in deren Bereich sowie in den angrenzenden Straßenzügen schwere Schäden an Dächern, Autos und Bäumen an. Im Verlauf zog er weiter über den Berliner Platz hinweg in Richtung Schwanenteich und Philosophenwald.

Dieser Stadtwald wurde besonders verheert. Auf zwei parallelen Strichen zerstörte er nahezu sämtliche in seinem Weg stehenden Laubbäume. Kurioserweise wanderte er direkt über das Verwaltungsgebäude der Volkshochschule hinweg, in der sich bis zum November 2005 die ehemalige Gießener Wetterwarte befand. Dort riss er Teile der Dachverkleidung ab und verstreute diese weithin. Selbst große Müllcontainer konnten der Gewalt des Wirbels nicht standhalten und wurden mehrere Meter weit fort getragen und umgeworfen. Die auf dem Gelände stehenden mächtigen Kastanienbäume hinterließen einen trostlosen Anblick. Sie verloren große Teile ihrer Kronen. Die Windhose setzte ihren Weg der Zerstörung nun bis hinein in die Wieseckaue fort. Im Bereich des Segelflugplatzes an der Wieseck gewann diese offensichtlich nochmals vorübergehend an Kraft und vernichtete auf 100 Meter Länge eine Reihe Pappeln, die teilweise zersplittert wurden. Einige dieser Bäume wurden der Länge nach gespalten. Von anderen Bäumen, welche die Trombe umwarf, ragten übermannshohe Wurzelteller in den Himmel und stauten sogar das Wasser der Wieseck auf. Im weiteren Verlauf verlor sich allmählich seine Spur.

Wertvolle Messwerte entgangen

Die Wetterwarte Gießen wurde im November 2005 von der Fröbelstraße zum Oberen Haardhof verlegt. Daher sind nun wertvolle Messwerte wie Luftdruckverlauf und Böenspitzen entgangen. Sie hätten besseren Aufschluss über die Stärke des Tornados geben können. Aufgrund der Schadensbilder wurde die Trombe als F-1er Tornado (117 bis 181 km/h, Windstärke 12 beginnt bei 117 km/h) klassifiziert. Diese Kategorie kann als plausibel angesehen werden. Die neue Wetterwarte auf dem Oberen Haardhof, die seit 1. September 2008 in den vollautomatischen Betrieb überging, war zum Zeitpunkt des Geschehens ebenfalls nicht mehr von Personal besetzt. Ein Beobachter hätte von dort aus guten Einblick auf die Vorgänge haben und somit dokumentieren können.
Beobachtungen aus Heuchelheim
Gegen 16:15 Uhr zog der vorauseilende Wolkenschirm der Tornadowolke von Südwesten herauf. Unter der diffusgrauen Wolkendecke hoben sich kontrastreich hellgraue Fractocumuli ab, die sich von Süd nach Nord verlagerten. Um 17.30 MESZ setzte großtropfiger Regen ein, der sich stetig intensivierte. Das Tageslicht wich nun zunehmend einer markanten Unwetterdämmerung, als schließlich eine dunkelgraue Wolkenmasse aus dem Südwestsektor heranzog. Die Wolke lies eindeutig eine rotierende Bewegung erkennen. An ihrer Südflanke jagten dann plötzlich tiefe Stratus-pannus-Fetzen von West nach Ost mit vehementer Geschwindigkeit über den Himmel. Sie wirbelten gleichzeitig in Richtung Cb-Basis hinauf. Diese Vorgänge waren als eine eindeutige Tornadoentwicklung in Richtung Gießen anzusehen.
Kurze Zeit später wurde dann ein Tornadofall über dem Raum Gießen von Rundfunk und Fernsehen bestätigt.

Abb. 2: Die Tornadowolke in Richtung Gießen von Heuchelheim aus gesehen. Fractostratus-Wolken jagen am Rande der Unwetterzelle über den Südhimmel mit vehementer Geschwindigkeit. Zeitpunkt der Aufnahme: 17.36 MESZ
Während sich nun die Hauptwolkenmasse nach NE verlagerte, zog aus NW gleichzeitig ein heller Horizontstreifen auf. Um 17.38 MESZ ging der Regen in großtropfigen Starkregen über, der um 17.45 MESZ schlagartig aufhörte. In 15 Minuten fiel 18 l/m² Regen. In Heuchelheim wehte dabei lediglich ein schwacher bis mäßiger umlaufender Wind.

Abb.3: Das Unwetter verlagert sich unter Abschwächung in Richtung Nordost. Tornadoverdächtige Strukturen sind noch in der Bildmitte zu erkennen. Das Foto entstand in der Heuchelheimer Gemarkung um 17.51 MESZ
Abb. 4: Eine gespaltene Pappel liegt quer über der Wieseck in der Nähe des Segelflugplatzes. Anschließend löste sich die Trombe nach einem fast 20 km langen Zerstörungsweg auf.
Abb. 5: Blick auf die verwüstete Pappelreihe (Ausschnitt) in der Wieseckaue nördlich der Stadt Giessen. Die Baumruinen lassen die große Gewalt des Wirbelsturms auf diesem Foto mehr als erahnen.
Alle Fotos von Friedel Steinmüller

Eindrücke aus der Bevölkerung

Bereits Minuten vor dem Tornado soll der Wind volle Sturmgewalt erreicht haben. Dann seien explosionsartige Geräusche wahrgenommen worden. Diese rührten wohl offensichtlich vom Zerbersten zahlreicher Bäume und Baumkronen her. Ein Passant berichtete davon, wie ein ganzer Laubbaum plötzlich mit samt Wurzelballen herausgedreht und meterweit fortgeschleudert wurde und krachend aufschlug. Von einem Baugerüst an einem Gebäude in der Liebigstraße mussten sich die Arbeiter rasch in Sicherheit bringen, während gleichzeitig Bretter des Gerüstes wie Geschosse durch die Luft flogen und irgendwo in Straßen und Vorhöfen landeten. Es sei „wie in einem Film“ gewesen, berichtete ein anderer Bürger. Wieder andere klagten über vorübergehende Luftnot, die wohl vom kurzfristigen markanten Luftdruckabfall herrührte. Es ließen sich noch viele weitere Beispiele nennen. sprengen.

Abb. 6: Ein von der untergehenden Sonne angeleuchteter Baldachin aus Cirrostratus mammatus kurz vor Sonnenuntergang. Die links, sowie rechts im Bild zu erkennenden Wolkenscheinwerfer entstammen ferner Cumulonimben über dem Siegerland. Die Aufnahme wurde vor der früheren Wetterwarte gemacht (im Bild unten links)
Abb. 7: Cumulonimbuswolken in Richtung Nordwesten zum Sonnenuntergang am 12. August 2008. Diese Unwetterwolke beherbergte einen weiteren Tornado an diesem Tag im Raum Laasphe. Die Aufnahme wurde in der Fröbelstraße gemacht.
Schlussbetrachtung:
Der Tornado zwischen Gießen und Wetzlar am 12. August 2008 war ein Aufsehen erregendes Ereignis; aber dennoch keinesfalls als ungewöhnlicher Fall an sich anzusehen. Tornados treten in Deutschland häufiger auf, als noch vor wenigen Jahrzehnten angenommen wurde. Die seit der jüngeren Vergangenheitpraktizierte verstärkte Überwachung des Wetters durch hoch auflösende Satellitenbilder und durch Wetterradar sowie von vielen aufmerksamen Wetterbeobachtern und Hobbymeteorologen, haben dazu geführt, dass diese Naturgewalt besser erfasst wird, als noch in früheren Jahrzehnten. Nicht wenige führen stets eine Kamera oder ein Photohandy mit, um verdächtige Entwicklungen sofort in Bild und Ton festzuhalten. Diese Tatsachen haben zunächst zur Annahme geführt, dass eine Zunahme von Tornados in Deutschland zu erkennen sei. Ganz ausschließen lässt sich dies jedoch grundsätzlich nicht. So hat die Gewitteraktivität seit Beginn der markanten Klimawarmphase im Jahr 1987 in vielen Regionen deutlich zugenommen. Starke Sommergewitter treten zunehmend auch in der kühleren Jahreszeit auf. Die Beispiele vom 21. Oktober 2004 mit seinen schweren Nachtgewittern über der Nordwesthälfte Deutschlands oder die große Gewitterlage am 31. März 1989 sollten bedacht werden. Inwiefern dies auch Tornados betrifft, dürfte vorerst weder dementiert noch bestätigt werden können. Für genauere Erkenntnisse ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten, die gewiss nicht nur für die Fachwelt, sondern auch für die Öffentlichkeit von großem Interesse sein dürfte.
Verband deutschsprachiger Amateurmeteorologen 2000-2011 | webmaster@vda-klima.de